Ein letztes mal Exot mit Akzent.
Einundreißigster Oktober. Es ist genau ein Jahr her, dass ich im pinken Prinzessinnenkleid durch die Korridore meines geliebten German Departments im sonnigen Atlanta “schwebte”. Heute klingeln an der Tür wieder deutsche Kinder. Die haben auch keinen Streich auf Lager, und so wandern meine Gedanken über den großen Ozean, hin zu Freunden, an die ich viel öfter denke, als dass ich tatsächlich zum Telefon oder in die Tastatur greife.
Ja, es war eine prägende Zeit, und ich hoffe, dass auch ihr gerne daran teilgenommen habt. Lustige Geschichten über ein lustiges Land. Ernste Geschichten über ein ernstes Land. Geschichten über ein Land, das so groß ist, dass ich nun viel weniger denn je vermag zu sagen „USA ist SO oder SO“. Löchert mich! Diskutiert! Fragt! Denn: größer als das Land sind vielleicht oft nur seine Widersprüche und wahrscheinlich trifft jedes Stereoty irgendwo zu. Und irgendwo nicht. An der Uni hasst man Bush, auf dem Lande wählt man ihn. Himmel und Hölle zwischen Alaska und Hawaii. Nur eines ist überall wahr: der Glaube an David Hasselhoff als den Superstar der Deutschen. Und das hab ich auch nicht kaputt gemacht.
Ok, ich war gar nicht drüben. Hehe. Ich saß im Gefängnis und teilte eine Zelle mit Karl May. Ich schrieb ihm den Winnetou und er mir den Blog. Ich träumte, ich wäre melvin in den USA, der träumte, er wäre melvin in Deutschland. Im Traum sah ich den Grand Canyon, die Freiheitsstatue, die Lichter von Las Vegas, Perlenketten in New Orleans. Ich lebte ein ganz normales Leben in einem Turm voll Studenten und Astbest, manchmal auch mit verkleideten Männern. Ich war ein Exot mit Akzent und fand Freunde, die ganz anders waren, als vorher gedacht, sah keine einzige Pistole und durchaus auch mal einen dünnen Menschen. 150 Kollegen schüttelten auf mein Kommando ihren Kopf und brüllten Mann mann mann, Elliott fraß meinen Kühlschrank leer und Mathias hatte Wundbrand am Finger, er, das ungeschickteste Fleisch der Welt. So viele liebe Freunde kamen mich besuchen und ich will wahrlich keine Sekunde missen dieser Zeit, die ich nun in einer kleinen Glaskugeln immer bei mir trage und wenn ich schüttel, schneits.
Und während genau in diesem Moment ein gleichberechtigter weißer Student wie selbstverständlich im Schlafanzug den Hörsaal betritt, fährt ein gleichberechtigter Schwarzer an der Uni einen Bus, poliert ein gleichberechtigter Mexikaner an der Uni die Zaunpfähle auf Hochglanz - ja, jeder kann hier an die Hochschule! - sind alle mal wieder so politisch korrekt, träumen einen bunten Traum von Hautfarbe ohne ihn zu leben, wird ein Penner in Miami von einer Kokosnuss erschlagen, hat Arnold Schwarzenegger keine Synchronstimme und fast niemand eine vernünftige Krankenversicherung, ja, während man in Villariba noch schrubbt, in Villabacho schon feiert und in den USA kräftig Müll produziert, währenddessen hat ein idahohischer Gouverneur auf der Flughafentoilette keinen Sex, der Grand Canyon schweigt mal wieder zu alledem und ich sitze hier in Deutschland und phantasiere hinaus in eine Nacht, die dort drüben noch nicht einmal angekommen ist.
Herzliche Grüße an euch alle!
euer mel
Am 2. November 2007 um 20:02 Uhr
Nachtrag I:
Ein bunter Traum von Hautfarbe, der divers phantasiert aber oft leider nicht real gelebt wird, vielleicht noch nie gelebt wurde. Sprich: die wunderbare Vielfalt eines (früheren) Einwanderungslandes macht mich glücklich, der reale Blick, wer denn da studiert und wer den Müll aufhebt, sehr traurig. Keine Gleichheit, trotz noch so viel political correctness. Natürlich auch Ausnahmen.
Am 2. November 2007 um 20:04 Uhr
Nachtrag II:
Oft fehlt es mir, ein Fremder zu sein, der einen Akzent hat und einen Seltsam-sein-Bonus und eine Geheimsprache. Auch wenn sie oft genug dann doch verstanden wird… nicht wahr, Werner? Wenn ich nächstes mal auf einer Party niemanden kenne, werde ich garantiert so tun, als käme ich von weit her!
Am 2. November 2007 um 20:06 Uhr
Nachtrag III:
Ab und an überkommt mich das Gefühl, ich hätte hier in jenen Landen noch so viel mehr sehen und lernen können. Aber hey, ich habe schon so viel gelernt und gesehen! Eine Reise, die viel mehr wert war als nur ein volles Konto & ein prima Lebenslauf.
Am 2. November 2007 um 20:07 Uhr
Hey, muss ich jetzt schon selber meine Beiträge kommentieren?
Am 8. November 2007 um 00:35 Uhr
Hey Mel, du bist nicht allein! Ich glaub auch manchmal ich hätte noch viel mehr mitnemen müssen, aber es ist einfach zu wenig Zeit für so viel Land und Leute. Liebe Grüße